Die Geschichte der Mutterliebe

Geschichte und Motivation der Übersetzung des Buches von Deborah Blum „Love at Goon Park - Harry Harlow and the Science of Affection“ Perseus Publishing 2002.

Deborah Blum: Die Entdeckung der Mutterliebe - Die legendären Affenexperimente des Harry Harlow. Mit einem Vorwort von Wolfgang Bergmann. Aus dem Amerikanischen von Sabine Grunwald, Beltz-Verlag 2010.

Jetzt endlich gibt es die Übersetzung des Buches von D. Blum. Neun Jahre nach Erscheinen in den USA werden nun auch die deutschen Leser bessere Einblicke in das wissenschaftliche Werk von Harry Harlow erhalten. Ebenso in die zeitgeschichtliche Verankerung seiner Arbeiten. Einiges lässt sich darüber spekulieren, weshalb so viel Zeit für die deutsche Übersetzung vergehen musste. Und weil sich sicher einige diese Frage stellen, möchte ich den zeitlichen Verlauf und die Hintergründe der Übersetzung darzustellen.
Die Initialzündung erfolgte von der GEO-Autorin Uta Henschel. Sie recherchierte 2002 in den USA für einen Beitrag zum menschlichen Tastsinn und suchte mich während meines Forschungsaufenthaltes am Touch-Lab. des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston auf. Ein zentrales Interesse von ihr war die funktionelle Bedeutung des Tastsinnes für die Entwicklung des Menschen. Sie war fasziniert von der großen Bedeutung dieses Sinnessystems, sowohl für den Menschen als auch für die Tiere. Schon damals zog sie ständig und fundierte Verbindungen zwischen der Primatenforschung und der humanen Tastsinnesforschung. Nachdem wir noch viele Gespräche in Deutschland zu diesem Thema geführt haben erschien 6/2004 der Tastsinnesbeitrag von Uta Henschel in der GEO.
Im Frühjahr 2003 schickte mir Frau Henschel zwei Bücher aus dem Amerikanischen, mit dem Hinweis, dass diese Bücher für mich von Interesse sein könnten. Eines davon war das Buch von Deborah Blum und das andere von S.R. Quartz und T.J. Sejnowski „Liars, Lovers and Heroes. What the new Brain Science reveals about how we become who we are”. Ich begann das letztere zu lesen, während meine Frau sich sofort von dem Buch von D. Blum über Harry Harlow in den Bann ziehen ließ. Wie gewöhnlich erzählten wir uns gegenseitig von unseren Lesereisen und bald stellte sich heraus, dass die Story, die meine Frau las, eindeutig spannender war, als das Buch, was ich gerade las. Über Harlow war mir wenig bekannt, nur ein paar Splitter aus den Studienzeiten. Je mehr sich meine Frau in das Buch vertiefte, umso erstaunlicher wurden die Geschichten, die sie darüber berichtete. Die ganze Familie verfolgte die Episoden und zutage geförderten Studienberichte mit großer Spannung. Im Herbst 2003 suchten wir dann nach einer deutschen Übersetzung, weil ich die Thematik gern in die Lehrveranstaltungen einbauen wollte. Aber auch Nachfragen bei der Agentur in der Schweiz, die die Lizenzrechte hielt, ergaben nur, dass es noch keine deutsche Übersetzung des Buches gab. Diese Botschaft und das starke Interesse meiner Frau, die Harlow Story im Detail zu übersetzen, waren der Startpunkt, mit den Arbeiten zu beginnen. Da wir keinen Verlag vorab gefragt hatten, ob das Buch für ihn interessant wäre, war die Übersetzung ein freies Projekt - sozusagen eine Überzeugungstat. Von da ab schlenderten die Harlow Geschichten durch unseren Familienalltag; immer wieder las meine Frau aktuelle Übersetzungsabschnitte vor - nicht ohne einiges Entsetzen bei uns auszulösen. Manchmal, wenn es gar zu arg wurde in Harlows Laboratorium, war meine Frau den Tränen nahe. Auch wenn keiner zu dieser Zeit ernsthaft daran gedacht hat, das Manuskript jemals einem Verlag anzubieten war klar, diese Übersetzung ist ein Gewinn für die ganze Familie. Zumindest für uns beide, die wir zwei Kinder haben und wie es der Kabarettist Olaf Schubert so schön formulierte - manchmal auch „ Erziehungstölpel“ sind.
Die Arbeiten an der Übersetzung konnten natürlich nicht hauptberuflich durchgeführt werden, da meine Frau als Bibliothekarin andere berufliche Verpflichtungen hat. Hier und da ein paar Stunden; dort ein Wochenende, ein paar Urlaubstage usw. Auf diese Weise ist in dem Zeitraum von 2004 bis 2007 jede Zeile von D. Blum nach und nach in eine passable deutsche Version übertragen worden. Ab und an konsultierte meine Frau einen Muttersprachler für besonders knifflige Sätze. Als dann die erste Manuskriptversion fertig war, wurde es an Freunde und interessierte Bekannte verschickt. Einige Jenaer und Bonner Studenten wurden ebenfalls schon mit der Manuskriptversion im Rahmen von Lehrveranstaltungen vertraut. Und so wie in unserer Familie, war auch bei den anderen Lesern ein großes Erstaunen und Betroffenheit zu erkennen. Wir sprachen viel und intensiv über die aktuelle Bedeutung dieser Experimente von Harlow; wir zogen Analogien zum Verwahrsystem in dem wir aufgewachsen waren und zu dem, was uns und unsere Kinder jetzt umgibt. Die Diskussionen mit Freunden bestärkten unseren ersten Eindruck, dass Blum’s Buch gerade auch heute ein wichtiger Hinweis ist - und das man auf keinen Fall die grausam-sezierenden Studien von Harlow vergessen darf. Sie sind ohne Zweifel ein wichtiger Beleg für die elementare Kraft von Berührungen und ein zentraler Befund im Bereich der Bindungsforschung. Umso paradoxer also die Tatsache, dass immer noch keine Übersetzung auf dem deutschen Buchmarkt zu finden war.
Nachdem wir diesen Umstand noch einmal via Nachfrage bei der Schweizer Lizenzagentur überprüft hatten, entwickelte sich der natürliche Ehrgeiz, die Übersetzung nun nicht in unseren Kisten verstauben zu lassen und als Druckerkopie weiterhin an Interessierte und Freunde zu verschicken. Die Übersetzung sollte jetzt gedruckt werden; es war ein wichtiges Buch und wir wollten, dass es in Deutschland zur Kenntnis genommen wird. Es wurden einige Versuche gestartet, mit entsprechenden Anschreiben, das Manuskript Verlagen anzubieten. Außer Absagen oder gar keinen Reaktionen führte diese Variante nicht zum Erfolg. Das erstaunte umso mehr, als sich auch so prominente Wissenschaftler wie Prof. M. Cierpka (Heidelberg) für die Drucklegung des Manuskripts einsetzten. Die ablehnenden Argumente blieben auf Seiten der Verlage jeweils sehr an der Oberfläche - es war zu spüren, dass man der aktuellen und geplanten Betreuungspolitik von Kindern nicht ein Buch entgegenstellen wollte, das zumindest einige alte Fragen neu provoziert. Kurzum, die Außenaktivitäten ruhten ernüchtert durch die ablehnenden Reaktionen der Verlage und die privat gedruckten Exemplare zirkelten von hier nach da im Freundes- und Bekanntenkreis.
In einem Moment, da keiner von uns beiden noch an eine Veröffentlichung glauben konnte, wendete sich das Blatt durch einen schönen Zufall. Meine Frau besuchte im April 2009 eine Tagung. Ein Vortag von Wolfgang Bergmann und seine klaren Worte zu den Leistungen der Bindungsforschung ermutigten meine Frau, mit ihm über die fertige Übersetzung zu sprechen. Ihre Frage „Welcher Verleger in Deutschland denkt ähnlich wie Sie?“ führte zum Beltz-Verlag. Auf diese Weise landete das Manuskript bei Claus Koch, dem Verlagsleiter Sachbuch beim Beltz-Verlag, der sich sehr für das Buch einsetzte. Da es sich um ein fertiges Manuskript handelte konnte der Rest schnell erledigt werden und das hat der Verlag dann auch zügig getan.
